Autor Thema: die Zeit der weißen Blätter  (Gelesen 69 mal)

Offline zille

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die Zeit der weißen Blätter
« am: 09. August 2017 - 23:11:48 »
Mir scheint, die Zeit der weißen Blätter ist vorbei – jetzt müssen die rot oder blau oder gelb sein. Dabei habe ich immer das Gefühl, als ob nur die jeweilige Farbe über das Bild gekippt wurde; die Technik oder der Filter im Mittelpunkt steht. Ich stelle mir die Frage, ob sich die Bildaussage ändern würde, wenn statt Blau die Farbe Rot an selbiger Stelle wäre. Oder Gelb statt … Während weiß statt grün (die grün angepinselte Bank im Park aber nicht weiß wird) immer noch Fragen aufwirft, fällt mir bei blauen, roten oder gelben Bäumen nur Photoshop ein.

Sicher, hier im Forum sind Wege und Hinweise wichtiger als das bis auf den Punkt ausgearbeitete Ausstellungsbild. Das aber jemand einmal mehr als ein Probebild gemacht hat, sich über eine Ausstellung(-sbeteiligung) freut, ist selten. Oder als Frage formuliert: ist die Spielerei mit Technik erfreulicher als ein Eyecatcher/Blickfang/Hingucker? Dürfen Eure Bilder die Festplatte verlassen und sich n der Öffentlichkeit präsentieren?
»Das Vertrackte am Klarmachen des eigenen Standpunktes ist, daß man dadurch zu einem nicht zu verfehlenden Ziel wird.«
Benedictus d'Espinoza (1632 - 1677)

Offline moggafogga

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Re: die Zeit der weißen Blätter
« Antwort #1 am: 10. August 2017 - 13:17:24 »
Ein sehr spannendes Thema welches du eröffnet hast. Meiner Meinung nach sogar eine Thematik die viel zu selten diskutiert wird. Die Zeit des Blattweiß scheint tatsächlich vorbei zu sein, jedenfalls habe ich diesen Eindruck auch. Allerdings sehe ich das weniger tragisch, eher freudig: Statt wiederkehrendem Eye-Catcherlook nach Standard-Anleitung steht bei einigen "IRren" mittlerweile tatsächlich eher die Filter-Fotografie im Vordergrund. Aus meiner Sicht kann ich das nur begrüßen, da ich mich schon längst an weiß/blauen und Goldie- oder SuperBlue-Bildern sattgesehen habe. Die Spielerei mit der Technik bietet noch viele Möglichkeiten, das muss allerdings nicht unbedingt zu einem höheren Ziel führen. Allein der Zuwachs an Erfahrung und die Lust bekannte Wege zu verlassen sind für mich Antrieb genug.

Ich war im Juli in einer kleinen Ausstellung, gezeigt wurden ausschließlich NIR-Bildern und ich fand es schrecklich (immerhin hat der gute Mann eine Ausstellung, da kann ich nur kleinlaut gratulieren). Jedoch haben meiner Meinung nach fantastische Landschaften in dieser Ausstellung durch die klass. Umsetzung in blau/weiß oder blau/(braun-)gelb ihren Reiz verloren. Bei etlichen Bildern hätte ich mir sogar eine ganz normale Aufnahme gewünscht, denn es ist tatsächlich so, dass die Bildaussage nur in seltenen Fällen durch die Falschfarben beeinflusst wird. Das wäre allerdings mal ein Ziel: gezielt Bildbereiche stärker oder schwächer zu betonen mit Hilfe geeigneter Farbkombinationen.

Grüße, Martin

Offline infrabraun

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Re: die Zeit der weißen Blätter
« Antwort #2 am: 11. August 2017 - 13:58:36 »
Bei dem Kodak IR-Film hatte man sich an rotes Laub schon gewöhnt
Mit Gruß von Bruno

Offline el_Pano

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Re: die Zeit der weißen Blätter
« Antwort #3 am: 11. August 2017 - 19:46:13 »
Ich würde nicht sagen, dass die Zeit der weissen Blätter vorbei ist.
Ist doch der 700nm Filter für IR Fotografie immer noch der verbreitetste, weil auch am "einfachsten" in der Handhabung.
Wie du schon ansprichst, benötigt der Filter nicht viel Nachbearbeitung um gleich andersweltliche Effekte zu erzielen, während 550/590/630nm schon teils extrem aufwendige Nachbearbeitung mit sich bringt.

Ich kann mir vorstellen, dass es viele IR Fotografen (mich eingeschlossen) in experimentellere Richtungen mit mehr Farbeinwirkungen zieht, weil man sich mit der Zeit am standard IR look sattgesehen hat. Ich habe auch mit dem R72 meine ersten Schritte gewagt und war begeistert, mittlerweile kommt mir bei meinen damaligen Fotos auf die ich mal irre stolz war nurmehr ein müdes Lächeln.

Ich weis es gibt Puritaner die Freude am Fotografieren haben und für die die Nachbearbeitung in PS etc. ein Mühsal ist. Bei mir ist es genau umgekehrt, ich habe das Gefühl genau da meine Kreativität austoben zu können. Ob das nun gut oder schlecht ist, sei dahingestellt. Ich habe das Gefühl meine Fotos kommen gut an, würde mich auch trauen sie auszustellen wenn ich die Gelegenheit dazu bekäme.

Die neu aufgekommenen Super-Blue filter ala Tiffen47 erleichtern es Anfängern schnell in die Farb-Infrarot Fotografie einzusteigen, ohne sich mit schwierigen Weißabgleichen oder Kanaltauschen rumzuplagen. Auch arbeitet Ilija von Kolarivision derzeit an einem Filter ähnlich dem NDVI/Superblue/Tiffen47, der ohne Nachbearbeitung einen Aerochrom look erzielen kann.

Es ist also nicht weiter verwunderlich, dass diese Art von Fotos subjektiv zunehmen und der ehemals "standard" IR look mit Wood-effekt seltener auftaucht.

Es kann aber auch einfach täuschen, denn hier im Forum ist schon länger nichtmehr viel los. Man könnte also die Frage in den Raum stellen, ist die Blütezeit der digitalen IR Fotografie wieder vorbei und klingt der Trend nun ab?
Oder wird er vielleicht in anderer Form jetzt erst richtig losgetreten, Stichwort NDVI-7 / NBG Dronenfotografie?

Definitiv ein spannendes Thema!
Grüße, David

Offline zille

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Re: die Zeit der weißen Blätter
« Antwort #4 am: 16. August 2017 - 19:26:35 »
… während 550/590/630nm schon teils extrem aufwendige Nachbearbeitung mit sich bringt.
Was ist denn bei diesen Filtern so extrem aufwendig? Muss in der Bildbearbeitung den Farben auf die Sprünge geholfen werden? Ist es momöglich richtig, dass mehr Photoshop als IR in diesen bunten Bildern steckt?

…ist die Blütezeit der digitalen IR Fotografie wieder vorbei und klingt der Trend nun ab?
IR-Fotografie war doch wohl immer ein Nischenthema, da von Blütezeit oder Trend zu sprechen ist wie beim Finden eines Glückspfennigs vom plötzlichen Reichtum zu fabulieren.  :mrgreen:  Insofern kann man auch nicht sagen, "im Forum ist schon länger nicht mehr viel los", weil hier noch nie der Bär gesteppt hat.
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Benedictus d'Espinoza (1632 - 1677)

Offline el_Pano

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Re: die Zeit der weißen Blätter
« Antwort #5 am: 16. August 2017 - 20:07:39 »
Was ist denn bei diesen Filtern so extrem aufwendig? Muss in der Bildbearbeitung den Farben auf die Sprünge geholfen werden? Ist es momöglich richtig, dass mehr Photoshop als IR in diesen bunten Bildern steckt?

Es ist in der Tat sehr aufwendig. Ich nehm für alle Ausführungen jetzt mal den 550nm Langpass Filter her, weil er meiner Erfahrung nach die meiste Arbeit verursacht.
Umso mehr sichtbares Licht man mit NIR mischt, desto schlechter schneidet die optische Leistung unserer Objektive ab. Oder anders formuliert, ein Objektiv, dass in 720nm "brauchbare" Ergebnisse liefert kannst du für 550nm in der Regel vergessen. Problem dabei ist garnicht wie bei 720nm die Hotspot-Bildung, sondern Randunschärfe und chromatische Aberationen. Ich habe "alle" (Makros und Tele interessieren mich nicht, da für meine Anwendung unbrauchbar) Objektive die mein Fotoladen für Nikon zur Verfügung hatte getestet, ich habe nichts brauchbares gefunden. Am besten haben noch das Standard 18-55 VRII und das 35 1:1.8 an der 550nm D3100 abgeschnitten, weshalb ich genau die zwei am häufigsten verwende.

Genau aus dem Grund sind alle meine 550nm Fotos als Panoramen mit meist 15- 50 Aufnahmen entstanden. Gestitched in Autopano GIGA und dann verkleinert. Dadurch bekommt man die Aberationen in den Griff, sie werden schlicht im Verhältnis zur Bildgröße mit verkleinert. Sie verschwinden also nicht, fallen aber weit weniger ins Gewicht.

Das ist Schritt 1 meines Bearbeitungsworkflows und wird bei jedem 550nm Foto angewendet, von dem ich mir ein gutes Resultat erhoffe. Schnelles Knipsen und zuhause schauen was da so auf der Speicherkarte ist, scheidet also schonmal aus.

Aufgrund der Größe der resultierenden Dateien scheidet für mich RAW- Verarbeitung aus. Schafft mein PC einfach nicht, ich fotografiere nur JPG und arbeite damit, Weißabgleich vorort ist also top-Priorität. Die Fotos haben als .psd Dateien meist 3-8GB, zehren also an Rechenleistung und Geduld des Bearbeiters.

Den meisten wärs bis hierhin vermutlich schon zuviel Arbeit, dabei wurde das Bild im "künstlerischen Sinne" noch garnicht bearbeitet.

Danach kommt es immer drauf an was man erreichen möchte. Wenn man einen blauen Himmel möchte, reicht bei 550nm Kanaltausch Blau-Rot und anschließend Grün-Blau.

In der REgel kommen jetzt ein paar "Standard" bearbeitungen. Als erstes Retouche, also Stomleitungen die durchs Bild gehen entfernen, bei "belebten" Motiven Menschen entfernen die zum Zeitpunkt der Aufnahme rumstanden, etc. dann Mittenaufhellung, leichte Kontrast und Farbanpassung sowie Dodge&Burn um Akzente hervorzuheben die mir wichtig sind. Je nachdem welche Stimmung ich mit meinem Ergebnis generieren möchte, wirds mal düsterer, mal nicht.
Wenn ich durch 500px schaue, sehe ich viele gute Bilder, aber keins davon ohne aufwendige Nachbearbeitung. Bei 1x dasselbe. Ist heutzutage üblich, finde ich in den meisten Fällen auch gut. Wichtig ist, dass man die Bearbeitung als solche nicht sofort erkennt. Wenn man als Beispiel auf den ersten Blick sieht wo dodge&burn angewandt wurde, hat mans übertrieben.


Die Bilder im Anhang sind kein ideal Beispiel, hab aber gerade nichts anderes zur Hand.

Ist es momöglich richtig, dass mehr Photoshop als IR in diesen bunten Bildern steckt?
Die Frage die sich mir nun stellt, wäre es für dich "mehr Infrarot" ohne Nachbearbeitung? Bunt sind die Bilder mit dem 550nm Filter trotzdem.
Wenn du dir die Infrablue Fotos ansiehst, hast du sogar einen Extremfall, sowenig Nachbearbeitung wie bei dem Filter hab ich nichtmal bei 720nm. Bunt sind sie trotzdem.
http://infrarot-forum.de/smf/index.php?topic=3438.msg15275#new

Analoger Aerochrome ist auch bunt, ist er deswegen weniger Infrarot?

IR-Fotografie war doch wohl immer ein Nischenthema, da von Blütezeit oder Trend zu sprechen ist wie beim Finden eines Glückspfennigs vom plötzlichen Reichtum zu fabulieren.  :mrgreen:  Insofern kann man auch nicht sagen, "im Forum ist schon länger nicht mehr viel los", weil hier noch nie der Bär gesteppt hat.

Ist mein subjektives Empfinden, beweisen kann ichs nicht, will ich auch nicht. Ich merks nicht nur hier sondern ganz extrem auch in der DeviantART - R72 Gruppe. Da ist es sogar recht einfach nachvollziehbar, da die Fotos in Ordnern nach Monat gruppiert werden. Blickt man ein paar Jahre zurück, sieht man dass es mal sehr viel mehr waren. Lässt jedoch keine Rückschlüsse auf die Qualität zu, damals gabs gute Uploads, jetzt ebenfalls. Aber die Anzahl hat sich stark verändert.
« Letzte Änderung: 16. August 2017 - 20:18:25 von el_Pano »